aus "Anthroposophie weltweit" Nr. 9/2011
Von 29. Mai bis 5. Juni reiste eine Gruppe Studierender der Sprachschule AmWort nach Griechenland, um nach einer Hexameterepoche Delphi zu erleben. Die Gruppe logierte im rund 30 Kilometer entfernten Galaxidi, wo sich auch die sozialtherapeutische Gemeinschaft Estia Agios Nikolaus befindet. Ein Eindruck.
Im Morgendunst begrüßt das bergige Küstenland die Fähre vom italienischen Ancona. Griechenland zieht uns bereits jetzt in Bann. In Galaxidi, einem kleinen schönen Hafenort, lassen wir uns nieder. Das Erste, was uns dort begegnet, ist eine sozialtherapeutische Lebensgemeinschaft anthroposophischen Hintergrunds: die Estia Agios Nikolaos. Wunderschön liegen die sieben Häuser am Fuße einer Bergkette, die sich hinter Galaxidi zum Giona-Gebirge auftürmt. Der Blick geht auf das Meer, und bei gutem Wetter ist die bergige Küste des Peloponnes auszumachen.
In vier Wohnhäusern leben drei Gemeinschaften. Griechische Betreute leben mit einem internationalen Team nach anthroposophischem Menschenbild zusammen. Das vierte Wohnhaus beheimatet Mitarbeiter und Betreute, die zu selbstständig sind, als dass sie in den anderen Häusern leben müssten.
Zwischen den Wohnhäusern liegt das Kafenion, wie der Dorfmittelpunkt in jedem griechischen Ort genannt wird. Dort wird sonntags Kaffee getrunken, Gäste sind willkommen und Schmuckstücke und Töpferware, die unter der Woche in den Werkstätten gefertigt werden, liegen zum Verkauf bereit. Um auch im Sommer,wenn es richtig heiß wird, draußen sitzen zu können, ist bereits eine Überdachung des Platzes in Planung.
Wir treffen auf schwanzwedelnde Hunde und lauter freundliche Menschen, die sich ihren Nachmittagskaffee mit Kuchen gönnen. Thomas Prange verlässt das harmonische Miteinander, um uns den Weg zur Pension zu weisen. Wir sind im Laufe unserer Galaxidi-Delphi-Woche fast täglich Gäste in dieser fröhlichen Einrichtung, in der die Stärken gefördert werden und an den Schwächen gearbeitet wird. Sei es zum Grillen mit den Bewohnern, für den Kurs im großzügigen Kursraum, in dem auch Mal-und Plastizierkurse angeboten werden, oder für einen Rundgang durch den weitläufigen Garten. Unter dem dunkelgrünen Laub leuchten große, gelbe Zitronen hervor, und Ritterorangen hängen im Geäst. «Nehmt nur mit,wir können gar nicht alles verarbeiten», werden wir ermuntert. Natürlich, das machen wird gern!
Was man an diesem Ort nicht alles könnte! Hühner, Ziegen, Obst- und Gemüseanbau, das Ausdehnen der Siedlungen, eine Bäckerei, ein richtiges Dorfleben, in das alle Menschen integriert werden, auch die aus dem Hafenstädtchen ... Wenn, wenn, wenn: Ja, wenn es Menschen gäbe, die den langen Atem und das Feuer hätten, wie Familie Prange in Griechenland Pionierarbeit zu leisten. Denn das Leben auf der Estia Agios Nikolaos ist nicht einfach.
Dort kann man nicht wie in Deutschland und in der Schweiz auf eine Tradition und Vernetzung anthroposophischer Einrichtungen blicken, dort gibt es im ganzen Land keine Waldorfschule, und auch die Griechen müssen sich erst einmal daran gewöhnen und ihr Misstrauen überwinden, was <die da oben> denn machen. Die Einheimischen und auch Angehörige der Lebensgemeinschaftler sehen die Estia eher als schönes Heim denn als Gemeinschaft. Dass die Mitarbeitenden dort auch leben und keinen Feierabend oder Freizeit im gängigen Verständnis haben, das ist nicht so einfach zu verstehen.
Staatlich anerkannt ist die Estia, doch die Kosten sind höher als der Satz, den sie bekommt, und auch Mitarbeitende stehen nicht an allen Ecken. Wer lässt sich auch auf so ein Abenteuer ein wie Gabriele und Thomas Prange vor sechs Jahren, die alles in Deutschland abbrachen und auf eine etwas vage Aussage hin einfach losfuhren, um aus den vorhandenen Gegebenheiten eine Heimat zu gestalten? Den Menschen das Essen mit Besteck beizubringen, Rhythmus und Rituale wie das abendliche Zusammensitzen entstehen zu lassen, produktiv zu werden in der Werkstatt anstatt sinnloser Beschäftigung. Das braucht Geduld, das braucht Mitarbeiter, die sich engagieren – und schon manch einer merkte, dass hier nicht mehr der rechte Platz für ihn ist, während andere angezogen werden.
Martina Kallenberg, Reinach (CH)
In der Zeitschrift neaFon erschien im April 2005 ein ausführlicher und sehr lesenswerter Beitrag von Evangelos Goros über die Estia Agios Nikolaos.
"Träume werden wahr in Galaxidi"